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Tessin

Zwei Mentalitäten

Der Monte Ceneri zwischen dem Langensee und dem Comer See, ein Pass von kaum mehr als 550 Metern Höhe, teilt das Tessin in Nord und Süd: Sopraceneri und Sottoceneri. Er ist der einzige innerschweizerische Übergang zwischen diesen gegensätzlichen Regionen: alpin und germanischer im Norden, flacher und italienischer im Süden.

Namensgeber des südlichsten Schweizer Kantons ist der Fluss Tessin – Ticino auf italienisch –, der am Nufenenpass entspringt, den Langensee durchfließt und schließlich in den Po mündet. Knapp ein Fünftel des Langensees gehört zum Tessin.

83 von hundert Tessinern sprechen italienisch; allerdings finden sich hier viele lombardische Dialekte, die in Vokabular und Klangfärbung häufig mehr dem Französischen ähneln. Die Tessiner gelten als zurückhaltende Italiener oder als legere Schweizer – je nach Sichtweise: ein bisschen Dolce vita, ein bisschen Präzision. Wobei die Südtessiner um Ascona und Locarno als noch deutlich italienischer gelten als diejenigen im Norden. Kein Wunder: Mailand liegt halb so weit weg wie Bern oder Zürich, es sind keine Berge dazwischen, und an den südlichen und westlichen Kantonsgrenzen liegt Italien. Besonders bei reichen Deutschen fand das südliche Tessin nach dem Kriege Anklang: Hier gab es italienische Lebensart mit Schweizer Genauigkeit. So viele Ausländer ins Land zu lassen, das gilt den übrigen Schweizern und den Nordtessinern oft als "unschweizerisch". Aber im Süden gilt der Spruch: "Liberi e Svizzeri" – wir sind Freie und wir sind Schweizer, in dieser Reihenfolge.

An der "Tessiner Riviera" siedeln sich die Wohlhabenden aus dem europäischen Norden besonders gern an: dem Luganer See. Der ist durch seine Gestalt dazu besonders geeignet; er ist zwar etwas kleiner als der Starnberger See, seine Küstenlinie aber ist doppelt so lang.

Ascona

Ascona, ein kleiner, aber mondäner Kurort, liegt am Nordufer des Langensees auf einer kleinen Halbinsel, die der Fluss Maggia durch seine "Mitbringsel" in Jahrtausenden aufgeschüttet hat und die von der Mündung geteilt wird. Anfang des vergangenen Jahrhunderts war der 5.000-Einwohner-Ort die Zuflucht von allerlei Aussteigern: Intellektuellen, Esoterikern, Vegetariern, Sozialutopisten und Künstlern. Sie kauften den Monte Monescio, nannten ihn künftig "Berg der Wahrheit" (Monte verità) und siedelten sich dort an. In den sechziger Jahren galt Ascona bei den oberen Zehntausend als schick; das hat sich etwas beruhigt, ebenso wie der Autoverkehr, von dem Ascona dank eines Straßentunnels seit den achtziger Jahren etwas entlastet wurde.

Wo die Schweiz mediterran ist

Auf der anderen Seite der Maggiamündung liegt Locarno, der wärmste Schweizer Ort und überhaupt der nördlichste Punkt, an dem man noch mediterranes Klima genießen kann. Die mittlere Jahrestemperatur liegt hier zwei bis vier Grad über derjenigen des Schweizer Mittellandes, es blühen Palmen und Zitronenbäume, ja, wer hier Risotto bestellt, könnte Reis aus eigenem Anbau vorgesetzt bekommen, denn das Maggia-Delta und die östlich liegende Magadino-Ebene sind die nördlichsten Reisanbaugebiete der Welt.
Allerdings ist es hier nicht feucht genug, um den Reis auf die gleiche Weise anzubauen wie etwa in China. Nur bestimmte Reissorten eignen sich für den Trockenanbau; diese allerdings begnügen sich mit ein bis zwei mal Bewässern in der Woche.

Madonna del Sasso

Das Klima zieht natürlich auch viele Touristen an. Eins ihrer kulturellen Hauptziele dürfte Madonna del Sasso im Örtchen Orselina oberhalb von Locarno sein. Die bekannteste Wallfahrtskirche der italienischen Schweiz geht auf eine Gotteserscheinung des Franziskanermönchs Bartolomeo d'Ivrea im Jahre 1480 zurück. Die heutige Fassade, letztmals 1984 renoviert, zeigt entgegen der ursprünglichen Schlichtheit Züge der Neurenaissance und stammt vom Ende des 19. Jahrhunderts. Die Kirche mit dem herrlichen Ausblick auf den Langensee trägt seit fast hundert Jahren den päpstlichen Ehrentitel "Basilica minor".

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