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Venedig
Stadt auf Stelzen
Auf 100.000 Pfählen, schätzungsweise, steht der Glockenturm des Markusdoms in Venedig; 12.000 sollen es unter der Rialtobrücke sein. Niemand weiß das genau, aber die Gesamtzahl der Pfähle Venedigs geht weit in die Millionen. Wenn man dazu noch die große venezianische Handelsflotte zu Zeiten der Blüte um das 15. Jahrhundert bedenkt, außerdem die meist auf Holz basierenden Bautechniken, dann kann man sich den Kahlschlag rund um Venetien vorstellen; Istrien etwa, einst unter venezianischer Herrschaft, war komplett abgeholzt. Selbst aus Alpengebieten musste Holz herbeigeschafft werden.
Die Stadt steht im Wasser kunstvoll auf Stelzen, wenn auch nicht wirklich auf einzelnen Pfählen: Die Stämme wurden mit Öl und Teer vorbehandelt und mit Bändern zusammengefasst, Zwischenräume wurden mit Lehm gefüllt. Auch bei Kanalarbeiten muss darüber gewacht werden, dass die Eichen-, Ulmen- und Lärchenpfähle unter Wasser bleiben und damit geschützt vor Luft und Verfall.
Auf einst über hundert Inseln und Inselchen (durch Zuschütten zahlreicher Kanäle sind es heute nur noch achtzehn) wurde Venedig erbaut. Die ersten Siedlungen wurden lange ins 6. Jahrhundert datiert, doch nachdem man im nördlichen Torcello 1991 Teile einer römischen Villa fand, ist eine deutlich frühere Besiedlung wahrscheinlich.
Metropole des Handels
Venedig lebte zunächst von der Fischerei und dem Salzhandel, erhob sich im Mittelalter jedoch zu der Metropole des europäischen Zwischenhandels. Durch die Völkerwanderung in der Mitte des ersten Jahrtausends waren nämlich viele Handelswege in Europa zerschnitten, Seewege um Afrika nach Indien waren noch ebenso unbekannt wie der amerikanische Kontinent. Stand Venedig zunächst unter der Herrschaft von Byzanz, so entwickelte sich die handels- und also finanzstarke Stadt allmählich zum gleichrangigen Verbündeten. Die Herren Venedigs, die "Dogen" (verwandt mit "Duce" = Führer), blickten stets weit voraus und kalkulierten kühl. Ideologien und starre Bündnisse mieden sie. Wenn es opportun schien, paktierte die Stadt mit den Osmanen oder auch mit der erbitterten Konkurrentin Genua.
Venedigs Arm reichte weit bis in den vorderen Orient. Hauptziele der Politik waren nie religiöse Bekehrung, Landgewinn oder starker politischer Einfluss um seiner selbst Willen, sondern Förderung des Handels, Sicherung der Seewege und, wo möglich, Errichtung von Monopolen.
Aus Asien, Afrika oder der Levante kamen Schiffe mit Seide, Fellen, Gewürzen oder Parfüms. Über Straßen und Flüsse kamen Gold, Silber, Bernstein und vieles andere aus dem nordwestlichen Europa.
Das Arsenal, die Schiffswerft von Venedig, galt bis zur Seeschlacht von Lepanto 1571 als größter Industriebetrieb und beschäftigte bis zu 30.000 Arbeiter. Schon im 14. Jahrhundert fertigte man hier Galeeren gewissermaßen am Fließband. Die Bauweise mit vorgefertigten Teilen ermöglichte der Werft, binnen zweier Wochen einhundert Galeeren für den türkischen Krieg zu liefern. Handelsschiffe konnten schnell zu Kriegsschiffen umgerüstet werden.
Heute hat Venedig rund 270.000 Einwohner, von denen knapp zwei Drittel auf dem Festland leben.
Canal Grande
Wichtigste Wasserstraße Venedigs ist der Canal Grande (nicht "Canale Grande"). Ihn speist der Nordarm des Flusses Brenta, weswegen das Wasser hier im Gegensatz zu den kleineren Kanälen immer fließt. Der Kanal ist zwischen 30 und 70 Metern breit und bis zu fünf Metern tief. Gesäumt ist er von einer einmaligen Parade aus 200 Palästen, die – anders als in anderen italienischen Metropolen – alle nahezu gleich hoch sind, was auf die besondere gesellschaftliche Einheit und die Stabilität Venedigs bis zur Renaissance zurückgeführt wird. Die begrenzte Tragfähigkeit der Holzpfähle dürfte aber auch ein Grund sein.
Rialtobrücke
Die bekannteste Brücke vielleicht ganz Italiens – und bis zum 19. Jahrhundert auch die einzige über den Canal Grande – ist die Rialtobrücke, die auf einem 28-Meter-Bogen ruht (am Ostufer übrigens residiert heute das italienische Postministerium in der ehemaligen "Deutschen Warenbörse", der "Fondaco dei Tedesci", wo Kaufleute aus Augsburg, Nürnberg und Regensburg in einer Bruderschaft lebten).
1246 vermutlich wurde die erste Holzbrücke gebaut, die aber immer wieder repariert oder ganz erneuert werden musste. Anfang des 16. Jahrhunderts entschloss man sich zum Bau einer Steinbrücke, doch dauerte es noch einmal fast hundert Jahre (während derer die Holzbrücke mehrmals repariert werden musste), bis sie stand. Bei der Ausschreibung konnte sich der kaum bekannte Antonio da Ponte durchsetzen gegen Konkurrenten vom Schlage eines Michelangelo, doch schien da Ponte von den Entwürfen der Konkurrenz einiges übernommen zu haben. Kunstkenner betrachten die Brücke nicht unkritisch und betrachten sie eher als einen funktionalen denn als einen repräsentativen Bau. Bemerkenswert ist das Wappen des Dogen Cicogna an der Brücke; eigentlich durften die Dogenwappen nur innerhalb des Dogenpalastes benutzt werden.
Der Markusplatz
Venedig gilt mit jährlich 14 Millionen Besuchern als meistbesuchte Stadt des internationalen Tourismus (zum Vergleich: 13 Millionen reisen jährlich nach Mallorca). Die Preise sind entsprechend. Eine Stunde Gondelfahrt kostet 75 Euro – ohne Gesang. Die Besucherflut bescherte der Stadt mehr Kosten als Einnahmen, weswegen man sich 1999 zu einem bemerkenswerten Schritt entschloss. Man engagierte den italienischen Fotografen Oliviero Toscani, der durch seine polarisierenden Benetton-Kampagnen bekannt geworden war, für eine abschreckende Plakataktion mit Ratten, Müll und Schmutz – und ungewissem Erfolg.
Das Touristenzentrum der Haupttouristenstadt ist der Markusplatz mit den Hauptanziehungspunkten Venedigs: dem Markusdom mit seinem Glockenturm und dem Dogenpalast im Osten, außerdem mit den "Prokuratien", ehemaligen Verwaltungsgebäuden, die den Platz in den übrigen Himmelsrichtungen begrenzen.
Der Dogenpalast stammt aus dem 9. Jahrhundert, doch seine heutige steinerne Form mit den charakteristischen Säulengängen bekam er zwischen dem 14. und dem 16. Jahrhundert. Er war Regierungssitz und Gericht. Von seiner Ostseite führt noch heute die kaum weniger berühmte Seufzerbrücke über einen Kanal in den Gefängnisbau.
Sankt Markus mit seinen auffälligen Kuppeln und Spitztürmen beherbergt die Gebeine des Evangelisten Markus, die listige venezianische Kaufleute im 9. Jahrhundert aus Alexandria entwendet haben sollen. Ihm zu Ehren wurde eine neue Kirche errichtet, die der Apostelkirche in Konstantinopel nachempfunden wurde – ein Zeichen der engen Verbundenheit mit Byzanz. Die gotischen Anbauten des 14. Jahrhunderts zeigen dagegen die Ablösung vom oströmischen Reich. Der geflügelte Löwe, Abzeichen des Heiligen Markus, ist seit dem 9. Jahrhundert auch Wahrzeichen Venedigs, das auch "Senerissima", die Durchlauchtigste, genannt wird.
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