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Andalusien
Andalusien
Andalusien, Land der Klischees. Heißblütige Flamencotänzerinnen, stolze Toreros, Heimat der spanischen Gitarre, großartige arabische Architektur.
Der Blick auf die Wirklichkeit, der Andalusien als europäisches Randgebiet – um nicht zu sagen: Armenhaus – zeigt, der noch immer eine Feudalgesellschaft offenbart mit Landbesitzern und Tagelöhnern (nur in den Städten gibt es eine breitere Mittelschicht), dieser Blick straft diese Klischees dennoch nicht Lügen, denn Flamenco, Stierkampf, traditionsreiche Fiestas, die Alhambra - gibt es sie nicht tatsächlich? Auch wenn der Fußball inzwischen beliebter ist als Stierkampf, auch wenn die Gegner der "Corrida" im Lande selbst immer lauter werden: Noch immer kennt jeder Spanier die berühmtesten Toreros, denn sie sind Volkshelden.
Flamenco wird in den Touristenzentren von Berufstänzern in farbenprächtigen Kostümen virtuos vorgeführt, doch Folklore ist Flamenco eigentlich nicht. Arabische Trauergesänge, byzantinische Liturgien, altspanische Lieder, vor allem aber die Gesänge der Zigeuner: Aus all dem setzt sich Flamenco zusammen, und die größten Flamencokünstler gehören nach wie vor zu den Gitanos, den Zigeunern, die auch in Spanien ein Dasein am Rand der Gesellschaft führen. Trotzdem: Die meisten Andalusierinnen beherrschen die Grundschritte der Sevillanas heute noch.
Geschichte
Das arabische "Al-Andalus" benannte sich, so hieß es früher, nach dem Volk der Vandalen, die im fünften Jahrhundert auf die iberische Halbinsel zogen. Eine andere Version favorisierte das westgotische landa-hlauts (sprich: "landalos"), das die römische Provinz bezeichnete, welche die Römer an die "Landlosen" verteilt hatten. Möglicherweise stammt der Name aber vom arabischen "al-an'dallus" (etwa: "ein Garten").
Jedenfalls ist Cádiz, Hauptstadt der gleichnamigen Provinz, die älteste noch bestehende Stadt Europas, gegründet vor 3000 Jahren von den Phöniziern. Wer jedoch Andalusien wesentlich prägte, ja ihm eine erste Blütezeit verschaffte, das waren die Mauren im achten Jahrhundert. Man stelle sich vor: Zu einer Zeit, als die großen mitteleuropäischen Städte ein paar Tausend Einwohner zählten, lebten in Córdoba eine halbe bis eine Million. Die Stadt besaß Schulen, öffentliche Bibliotheken, gepflasterte Straßen, Beleuchtung und rund 600 Badehäuser.
Reis, Zuckerrohr, Baumwolle, Orangen, Zitronen und vieles mehr brachten die maurischen Araber nach Hispania – und die nötige Bewässerungstechnik gleich mit.
Man kann das gesellschaftliche Klima damals fast aufgeklärt nennen, es war tolerant und förderte naturwissenschaftliche Forschung, die zum Beispiel Narkose- und Operationstechniken hervorbrachte. Die meisterlichen Bauwerke zählen heute zu den Hauptanziehungspunkten, allen voran die Alhambra in Granada oder die Mezquita von Córdoba. Die Blütezeit unter arabischer Herrschaft (in der durchaus vielerlei Beziehungen zum christlichen Resteuropa bestanden) endete 1492, als auch Granada die Waffen vor der christlichen Rückeroberung strecken musste, der "Reconquista". Sinnbild dieser Rückeroberung sind die zahlreichen Glockentürme, die einmal Minarette waren.
Eifer und Intoleranz waren die Sache der christlichen Eroberer, weniger dagegen Handel und landwirtschaftliches Know-how. Dass die reichen Städte der iberischen Halbinsel in der Folgezeit nicht noch schneller verarmten, verdankten sie nur der Entdeckung Amerikas und den Schätzen aus der Neuen Welt. Der neue Reichtum aber war nicht von Dauer. Aus Metropolen wurden Provinzen.
Oliven und Sherry
Subtropische Vegetation an der Mittelmeerküste und Schneegipfel in der Sierra Nevada; die Sierra de Grazalema als regenreichstes Gebiet Spaniens und die Provinz Almería mit der einzigen europäischen Wüste – wo finden sich größere Landschaftskontraste? Typisch andalusisch dürften allerdings die endlosen Olivenhaine und die ausgedehnten Weinterrassen sein.
Die Olivenbäume der Provinz Jaén lassen jedes Jahr 560.000 Tonnen Früchte wachsen, das ist Weltrekord. Sie blühen von Mai bis Juni und werden geerntet von November bis März, und zwar immer noch in Handarbeit von etwa 170.000 Tagelöhnern. Für viele in der strukturschwachen Region ist die Olivenernte die einzige Verdienstmöglichkeit.
Zwischen Jerez, Sanlúcar de Barrameda und Puerto de Santa María wird Sherry produziert. Schon die Phönizier brachten die ersten Reben. Bis zum Regnum der Mauren wurden Anbau und Verarbeitung immer weiter verfeinert. Besonders der "Jerez", den angelsächsische Zungen leichter "Sherry" aussprechen konnten, wurde ein Exportschlager. Nicht in Kellern, sondern in großen ebenerdigen Bodegas stehen Weinfässer aus schwerer amerikanischer Eiche in drei Lagen übereinander. Auf Flaschen gezogen wird jedes Jahr nur ein Drittel der unteren Lage, aufgefüllt wird jeweils aus den darüber liegenden, und so behält der Wein seine gleichmäßige Güte. Sherry kennt folglich keine Jahrgänge, aber es gibt drei Hauptsorten: Heller, trockener Fino (der klassische Aperitif), Amontillado mit nussartigem Geschmack und dunkler Oloroso. Der dicke und süße Cream wird nur für den Export hergestellt.
Die andalusische Küche ist meist einfach und deftig, etwa Cocidos (Eintöpfe), die Tortilla española (Kartoffelomelette) oder der Gazpacho andaluz (eine kalte Tomatensuppe). Zahlreich sind natürlich die Fischgerichte, besonders beliebt ist der Pescaito frito. Gewürze und Zutaten (besonders der Nachspeisen) verraten den arabischen Einfluss: Datteln, Mandeln, Pinienkerne, Honig und Orangen.
Religiöse Feste
Die religiös geprägten Festlichkeiten in Andalusien sind legendär. In Sevilla sind etwa 40.000 Menschen in Bruderschaften organisiert und leben das ganze Jahr auf die Semana Santa hin, die Heilige Woche (unsere Karwoche), während der in den Gassen atemberaubendes Gedränge herrscht. Beliebt ist besonders die Prozession für die Schutzpatronin Macarena, die am Gründonnerstag in tiefer Nacht beginnt.
Doch ebenso wenig hier wie bei den Wallfahrtsprozessionen in dem Dörfchen El Rocío zu Pfingsten ist die Stimmung von frömmlerischem Ernst geprägt. Blanca Paloma (weiße Taube) wird die Marienfigur genannt, die durch die Straßen getragen wird und die "Jungfrau vom Morgentau" darstellt. Nein, auch bei diesem Kult, der älter als das Christentum ist, geht es handfest und ausgelassen zu.
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